Blogwichtel: Lebenswerke    

Leben | 1 Kommentar

Texttreff Blogwichtel 2012Kurz vor Ablauf der Texttreff „Blogwichtel-Frist“ wurde ich noch von der Autorin des wunderschönen Buches Suna, Pia Ziefle, mit einem Blog-Artikel beschenkt. Zwar teilen wir beim Schreiben nicht unbedingt das gleiche Thema – ich überwiegend „nüchterne“ Medizin- und Wissenschaftsbeiträge, sie warme, herzergreifende Bücher – doch die LEBENSWERKE vereinen uns. Darüber hat sie nun geschrieben; über beeindruckende Lebenswerke in unserem Umfeld. Und es ist keineswegs ein Nachruf, auf bereits beendete Leben und Projekte!

Das Blogthema hat mich sehr beschäftigt – einerseits sehr beflügelnd, andererseits dachte ich, kann ich ein Lebenswerk nicht vielleicht doch erst im Rückblick so nennen?

Aber nein, dachte ich dann, es könnte auch darum gehen, welche Themen Menschen umtreiben, welchen Aufgaben sie sich stellen, wie sie sie lösen, oder auch, wie sie mit Scheitern umgehen. Mein beruflicher Alltag bringt mich sehr nah an solche Fäden, die sich durch ein Leben ziehen – meine Geschichten handeln von Entscheidungen, die Menschen in einer Situation treffen, ohne zu ahnen, wie lange und an welcher Stelle im eigenen und im Leben anderer sie nachwirken werden. Vielleicht schmerzhaft, vielleicht aber auch inspirierend oder tröstlich.

Aber nicht nur in meinen Büchern gibt es solche Weggabelungen, sie sind natürlich auch da draußen, im Leben da. An eine solche ist vor ein paar Jahren Sina Trinkwalder (www.manomama.de) gekommen, damals das, was man eine „erfolgreiche Werberin“ nennt, und wenn man sie einmal erlebt hat, dann glaubt man auf der Stelle, dass sie Kühlschränke in der Antarktis verkaufen kann. Sie aber hat damit begonnen, über die Menschen nachzudenken, die Dinge herstellen. Über die Werkzeuge, die sie benutzen, die Stoffe, mit denen sie arbeiten. Und so ist nur folgerichtig und keineswegs dem grünen Zeitgeist geschuldet, dass in Sina Trinkwalders Firma manomama in Augsburg ausschließlich mit ökologischen Materialien gearbeitet wird. Und zwar mit Textilien. Ausgerechnet in Deutschland, ausgerechnet in einer Zeit, in der man zwar in jeder zweiten Scheune auf der schwäbischen Alb Strickmaschinen oder Nähmaschinen findet – aber sie sind allesamt stumme, vor sich in rostende Zeugen einer ganz und gar untergegangenen Epoche: niemand braucht mehr Textilmaschinen, niemand braucht mehr die Expertise, sie zu bedienen. Außer in Augsburg. Was wirklich dafür nötig war, welche Hürden sich überhaupt erst aufgetan haben, und wie viele Menschen inzwischen bei manomama arbeiten, und nicht nur arbeiten, sondern einen richtigen Platz im Leben gefunden haben, lässt sich sehr authentisch in „Wunder muss man selber machen“ nachlesen – eine unbedingte Empfehlung.

Die Sozialhelden

Das andere Lebenswerk das mich beschäftigt und vom ersten Augenblick an beeindruckt hat, das sind die Sozialhelden (www.sozialhelden.de) und ihr Mitgründer Raul Krauthausen. Raul hat mich in seiner TED-Rede zur Inklusion vor zwei oder drei Jahren sehr berührt. Mir nur wenigen Bildern hat er es geschafft, vollkommen klar zu machen, wie viele reale Hindernisse in unserem Alltag, in unseren Straßen, unseren Wohnhäusern, unseren Geschäften vorhanden sind, die nur für Menschen auf zwei Beinen überwindbar sind, nicht aber für Rollstühle, Kinderwagen oder Rollatoren. Es ist diese Öffnung für „alles mit Rädern dran“ gewesen, die mich nachdenklich gemacht hat. So einfach. Und natürlich hat er Recht! Wir alle sind nur streckenweise nicht behindert, und wie schön wäre es, ohne Treppen oder ohne unnötige einzelne Stufen in Schulgebäude zu gelangen, wenn sich Türen öffnen ließen auch dann, wenn man die Hände nicht frei hat… das lässt sich unendlich fortsetzen.

Die Sozialhelden haben sich daher die Wheelmap ausgedacht, eine interaktive Karte, auf der jeder rollengerechte Orte eintragen kann. So kann jeder Besucher schon vorher wissen, ob das Cafe barrierefrei ist, oder der Laden oder die U-Bahnstation. Auf der website der Sozialhelden gibt es noch viele andere Projekte, die alle dazu beitragen, das Zusammenleben mit ganz kleinen Ideen zu gestalten – Ideen, die einem völlig naheliegend erscheinen, wenn man erst einmal davon gehört hat. Raul hat über sich und sein Leben übrigens ebenfalls ein Buch geschrieben, es heißt „Dachdecker wollte ich eh nicht werden„, eine ebenso berührende wie spannende Autobiografie eines Menschen, der zwar mit Osteogenesis Imperfecta zur Welt gekommen ist, aber das hat man nach drei Minuten vergessen, wenn man ihm zuhört. So geht es mir, und ich wünsche ihm noch viel viel mehr Ohren, und viel mehr Menschen, die sich an seinen Lebenswerken beteiligen.

Ein Kommentar

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